Selbstvertrauen wächst nicht von allein

Selbstvertrauen: hat sich irgendwann entwickelt. Die Eltern und die Umwelt waren daran beteiligt. Doch als Erwachsener muss man sich dann selbst vertrauen.

Heute möchte ich einige grundsätzliche Überlegungen dazu in den Raum stellen. Mit diesen Überlegungen bin ich natürlich nicht allen. Aber viele Klienten, die nicht im Umfeld Ansprechpartner für die Spannung zwischen Optimismus und Zweifel finden, können hier lesen, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine dastehen und keine Versager sind.


Man könnte meinen, in unserer Gesellschaft müssten alle vor Selbstvertrauen nur so strotzen. Gute Ausbildung, beste Berufschancen, jedenfalls statistisch. Stattdessen erlebe ich in meiner Beratungspraxis täglich die heimlichen Selbstzweifel. Nach außen ist alles perfekt. Eine glänzende Fassade, die andere neidisch macht. Toller Auftritt in sozialen Netzwerken. Alles wird scheinbar wunderbar unter einen Hut gebracht. Selbst das nicht Perfekte wird heutzutage perfekt inszeniert, damit es sich als scheinbar neuer Trend vermarkten lässt. Aber das Leiden wächst und irritiert durch die Widersprüchlichkeit von Aussage und für den Betrachter spürbaren Stress. Und da die sog. Leistungsgesellschaft recht gnadenlos das Funktionieren fordert, versuchen die Betroffenen, solange wie möglich zu funktionieren. Denn es entspricht ja der eigenen Grundhaltung. Dem medizinisch gar nicht definierten Burn-Out ist damit Tür und Tor geöffnet, da einfach physisch (ich schließe die Psyche hier mit ein) und vor allem "gleichzeitlich" dem Menschen Grenzen gesetzt sind. Nun bröckelt es an allen Enden. Wir sehen sogar den Staat und große Konzerne an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gelangen. Unser Planet spiegelt uns die nackte, teils ausgehöhlte Wahrheit.

Die gängigen Entspannungsmethoden dienen hier häufig nur der Ablenkung vom Wesentlichen. Östliche Weisheit mutiert zur Freizeitmeditation; westliche Vernunft pervertiert zu produktiver Kälte. Menschen arbeiten sich an Extremen ab: dem Zuviel oder Zuwenig. Dem Mangel an Anerkennung. Dem Verlust eigener Zeit. Selbst Freizeit wird zum Stress, wenn man statusbewusst Yoga oder Golf zu bestimmten Zeiten in modischem Outfit an bestimmten Orten absolvieren meint zu müssen. Mangelernährung, wohin man blickt: zuviel Fleisch oder gar keins. Vegan als kasteiende Weltanschauung oder Resignation mit fetten Burgern, die fette Bürger erzeugen. Jung und grün hinter den Ohren verzweifelt man am schwarz-roten Zynismus. Nichts darf einfach mehr Spaß machen. Einfach mal faul sein wird bemäntelt mit digitalen Scheinaktivitäten. wer daddelt nicht hirnfrei das eine oder andere Spiel im Netz oder vor dem Bildschirm? Was völlig ok wäre, wenn nicht das Gewissen schlüge, mann müsse doch eigentlich produktiv sein. Unser Erbe aus protestantischen Tagen. Was bei manchen den längst vergessenen Glauben auf andere religiöse Minderheiten projizieren lässt. Oder alte Menschen als unproduktiven Teil der Masse an den Rand schiebt. Und dann sterben die auch noch. Das geht ja eigentlich gar nicht so unselbstbestimmt...Schnell verdrängen, ist hier die Devise.

Hier beginnt nun die Suche nach der "verlorenen Zeit", die schon Literaten und Philosophen umtrieb und dem verlorenen Sinn, dem sich auch die Kirchen stellen müssen.

Man kann extern suchen und findet immer neue Fragen. Und man kann bei sich selbst suchen. Das Eigene wahrnehmen lernen. Und dann ins Verhältnis setzen zum Leben, das man führt. Ist es stimmig? kann ich den vielleicht ungeliebten Job zum Geldverdienen akzeptieren und anfüllen mit Sinnhaftigkeit? Muss ich das Ruder herumreißen und noch einmal neu starten? Kann ich meinem Urteil vertrauen und damit meinem Selbst? Wo und wie finde ich mein Selbst? Bestimmt nicht durch Wegducken vor Verantwortung oder vor Konflikten. Auch nicht mit Illusionen.

Das alles hat nur vordergründig mit einkommendem Geld zu tun. Die einen jagen selbigem noch hinterher, die anderen bereits bargeldlos voraus. Ökonomische und digitale Rahmenbedingungen prägen da schon einschneidender.

Den Wandel spüren alle. Das Vertrauen in sich selbst erwächst aus der Wahrheit zu sich selbst. Wo stehe ich und wo will ich hin? Passt das zusammen? wie kann der Weg aussehen?

Diesem Zusammenführen im Vertrauen auf und in sich selbst fühle ich mich meinen Klienten gegenüber verpflichtet.

Last modified onMontag, 02 November 2015 13:22
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